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Veröffentlicht am 22 Nov 2012

Das laute Schweigen von Srebrenica

Stell dir vor etwas Unvorhersehbares passiert…

und dein Alltagsleben ändert sich von heute auf morgen schlagartig.
Und das nur, weil du einer anderen Religion angehörst.

Dies passierte nämlich im Juli 1995. Genau 8372 muslimische Bosniaken wurden in Srebrenica und 8 weiteren bosnischen Gemeinden getötet. Ein Teil von ihnen wurde in Anwesenheit von Blauhelmsoldaten in Fabrikhallen ermordet. Die Verantwortung der Blauhelmsoldaten liegt darin, dass sie diese Menschen den Serbischen Großnationalisten ausgeliefert haben.
Diese Gräueltat dauerte über mehrere Tage. Tausende Leichen wurden in Massengräbern vergraben und in den darauf folgenden Wochen in andere Gräber umgebettet, um die Tat zu verschleiern.

Insgesamt 21 Massengräber wurden entdeckt, von denen 14 primäre Massengräber sind, in denen die Getöteten direkt nach der Exekution vergraben wurden. Von diesen 14 wurden acht später zerstört. Die Leichen wurden dabei entfernt und an anderer Stelle erneut vergraben. Die Umbettung diente auch hier der Vertuschung dieses Völkermordes.

Doch leider gerät dieser Völkermord immer mehr in Vergessenheit, obwohl er sich nicht vor all zu langer Zeit ereignete und mitten in Europa geschah. Dennoch versuchen Menschen aus unterschiedlichen Ländern, Muslime wie auch nicht Muslime, durch ihre Teilnahme an einer jährlich stattfindenden Gedenkveranstaltung, nämlich am 11. Juli, die Weltöffentlichkeit an dieses Massaker zu erinnern. An diesem Tag werden auch die identifizierten Toten würdevoll bestattet, während parallel hochkarätige Gäste, weit entfernt von den Gräbern, auf der Bühne ihre Reden halten. Zwei unserer muslime.tv Videojournalisten waren vor Ort und haben an jenem heißen Sommertag die Veranstaltung gefilmt. In der großen Menschenmenge konnte man die Hinterbliebenen der verstorbenen Bosniaken nicht von anderen Besuchern unterscheiden, doch erst als die Menschenmenge sich den Massengräben näherte, knieten einige Trauergäste sich nieder zu den Gräbern und fingen an zu weinen. Spätestens jetzt konnte man die Einheimischen von den anderen unterscheiden. Man hatte den Eindruck, dass die vielen jungen Menschen, die fremden Besucher und die Berichterstatter an der Trauer nicht wirklich teilnahmen und die Trauernden mit ihrer Trauer alleine ließen. Als ob man zwischen ihnen einen Wall der Emotionslosigkeit aufgebaut hätte. Später verrieten einheimische Organisationen unseren Videojournalisten etwas Schockierendes, nämlich dass ehemalige Paramilitärs der serbisch-bosnischen Armee heute wichtige Ämter kleiden und als Diplomaten an der Gedenkveranstaltung teilnahmen.

Ein Völkermord ist eine schreckliche Tat, denn durch ihn wird beabsichtigt „eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören. Seit 1948 gilt diese Tat als Straftatbestand im Völkerstrafrecht.
Das Verschweigen von, aber auch das Wegschauen bei Völkermorden führt dazu, dass auch heute viele unschuldige Menschen sterben. Doch wie lässt sich dies vermeiden? Es liegt unter anderem in der Verantwortung von Medienvertretern und Politikern, was die Mehrheitsgesellschaft über ethnische und religiöse Minderheiten denkt und ob sie gesellschaftliche Vielfalt akzeptiert oder nicht. Von daher können wir nur hoffen, dass diese Menschen politische, soziale und wirtschaftliche Probleme nicht ethnisieren oder theologisieren und somit nicht mit dem Schicksal vieler Menschen spielen.