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Veröffentlicht am 26 Apr 2014

„El Almani“ – Der Bruder dessen Namen man nicht kennt!

„El Almani“ – Der Bruder dessen Namen man nicht kennt!

 

Der Azan ertönt. Den Koran zuklappend verlasse ich meine Sitzposition und bewege mich Richtung Bücherregal. Aufmerksam verfolgen dutzende Augen jeden Schritt in der Moschee. Nachdem ich in der ersten Reihe einen Platz eingenommen hatte und die Predigt bereits begonnen, wurde es auf einmal immer enger und enger. Dies erschien mir merkwürdig, da ausreichend Platz in den Reihen dahinter war und so durchdrang mich unweigerlich die Frage “gibt es eine Sitzordnung?”. Muss ich vielleicht als “neuer” hinten sitzen?

Nach dem Gemeinschaftsgebet, begab ich mich an einen anderen Platz, um noch einmal zu beten und ein Bittgebet zu verrichten. Zu meiner Freude wurde ich bereits erwartet, als ich die Moschee verlassen wollte. “Assalamu Alaykum Akhi, Du bist neu hier oder? Was bist Du für ein Landsmann?” “Alaykum Assalam, also wenn Du mich so fragst… Erdling würde ich sagen!” Lachend erwidert er: ”Das steht doch bestimmt nicht in deinem Pass!” “Genau das ist das Problem Akhi!” warf ich ebenfalls lächelnd ein. “Lass mich raten… Kasache? …ähm… Bosnier?… Türke?” “Also, wenn es dir so eine Herzenssache ist zu wissen, wo auf der Erde ich geboren wurde… Deutschland” “Masch’Allah, das gibt es nicht oft! Salam und einen gesegneten Freitag!”

Einige Zeit war vergangen bis ich endlich auf der “anderen” Seite angekommen war. Lange Zeit habe ich den Spruch: ”Bruder, dass kannst Du nicht verstehen!” verflucht und erst jetzt verstehe ich ihn gänzlich! Einige Jahre sind ins Land gezogen und ich bin mir immer noch
nicht sicher, ob es ein Segen ist, oder eine Prüfung, oder beides. Ich kann gerade die Schwestern verstehen, die natürlich – wenn sie
einen Hijab tragen – sofort identifiziert werden. Selbst die Schwestern ohne Hijab werden schnell und präziese selektiert, so wie die vielen Brüder, deren Eltern einmal selbst, oder vor vielen Generation von weiten Grenzen Europas oder darüber hinaus, eingewandert sind.

Nun weiß ich was es heißt, allein seines Glaubens wegen gehasst zu werden, auch wenn mir mein “deutsches Aussehen” – was auch immer das sein mag -, noch eine relative Ruhe auf der Straße geben mag – wie man meinen möchte. Jetzt erst begreife ich, wie bizarr es sich anfühlt, wenn man warlos für irgendwelche Gewalttaten verantwortlich gemacht wird und sofort jeder verlangt, dass man sich dafür rechtfertigt und davon distanziert. Wie absurd dieses Spiel ist!

Immer wieder schallt ein Satz in meinem Ohr: ”Hier bin ich der Türke und drüben bin ich der Deutsche!”, hier werde ich türkifiziert und dort almanisiert, während ich ein Dutzend Mal meinem “Namen” – El Almani – höre und nicht verstehe worum es geht, weil man ja in der Moschee anscheinend nicht Deutsch sprechen darf und so redet man lieber in der dritten Person von einem selbst, während man daneben steht. Ich fühle mich wie ein kleiner Junge! Nichts zu sagen, nichts zu fragen, einfach ruhig sein und schön mit dem Onkel mitgehen!
Wohlmöglich bist Du jetzt geschockt, aber lass Dir gesagt sein: ”Bruder, Schwester, das könnt ihr nicht verstehen!”.

Schon wieder ein Fremder! Lange habe ich gebraucht zu verstehen und noch länger zu akzeptieren! Wie sehr wir fremd werden müssen um wirklich wieder klar zu sehen. Zu verstehen in welchen Konstrukten wir uns befinden und wie absurd viele davon sind. Wie paradox es ist, wenn wir als Muslime von Diskriminierung sprechen und nicht einmal merken wie viele in unserer eigenen Gemeinde diskriminiert werden!

Wenn deine Brüder vergessen woher ihr Lebensunterhalt kommt und die Familie den Gemeindeablauf bestimmt, die den größten Teil der Kosten trägt. Wenn du dich nicht willkommen fühlst, weil alle Gemeindeaktivitäten so angesprochen werden, dass du nichts davon mitbekommst und wenn du vorsichtig über drei Ecken anfragst, dir gesagt wird, dass man nur zum Gebet geduldet ist, da man kein “…….. Landsman ist”!

Möge Allah uns vor diesem Unheil bewahren! Möge Allah mir verzeihen, denn eine ganze Weile war ich ziemlich verbittert darüber – wie man der ein oder anderen Zeilen vielleicht abringen kann. Allerdings müssen wir die Dinge erst einmal akzeptieren wie sie sind um dann mit vollem Elan voran zu stürmen.

Wisst ihr – und das sage ich nicht bloß weil ich selbst durch Allahs Segen auf den Weg zurück gefunden habe -, niemand kann sich wirklich
vorstellen was für einen “Alltagsjihad” ein/e Konvertit/in hat. Von morgens bis abends musst du dich erklären – wenn deine Familie überhaupt noch mit dir redet! Für andere bist du ein Verräter, ein islamistischer Terrorist, Abschaum und gehörst erschossen (Wortwörtlich: “Dich drecks Moslem sollte man an die Wand stellen und erschiessen!“), oder des Landes verweisen.

Für deinen Arbeitgeber bist du auch “radikal”, weil Du ja aufeinmal am Arbeitsplatz beten willst und wo kommen wir denn da hin? Was
sollen denn die Leute denken, wenn hier auf einmal jeder betet? Dann kommst du in die Moschee und freust dich endlich an dem Platz zu sein, an dem man dich versteht und am Ende findest du heraus, dass du nur geduldet wirst, weil sich manche für zu offensichtliche Heuchelei anscheinend doch noch schämen.

Ich meine, fragen wir uns wirklich wie es sein kann, dass gerade Konvertierte immer besonders beliebt bei “Sekten” und Flügelgruppierungen sind? Ist das denn ein Wunder? Keiner will sie haben! Wundern wir uns, warum so viele Schwestern heute sagen, dass sie unter den selben Umständen das Hijab nicht mehr anlegen würden, vorallem wenn sie eine Arbeit brauchen mit der sie sich selbst versorgen können? Wenn sie quasi als Ausgestoßene gilt, wenn sie mit Ende zwanzig nicht verheiratet ist und Kinder hat, weil sie Möglichkeiten wargenommen hat, um sich bestmöglich zu bilden? Wundern wir uns wirklich noch? Wir sollten uns schämen! Dass wir nicht für einander da sind, nicht für einander einstehen, uns stützen und Mut machen! Uns daran erinnern auf wessen Weg wir sind und in wessen Namen wir unser Leben beschreiten sollten.

Ich danke Allah von ganzem Herzen, dass die Familien meiner Freunde, meiner Brüder, immer auch eine Familie für mich waren. Mehr als ein Eid hätte ich alleine verbracht wären sie nicht gewesen und unzählige Male hätte ich mich fragen müssen: ”Was ist das? Eine Ummah?”.

Möge Allah uns Güte in die Herzen legen, auf dass wir uns wieder als Geschwister begegnen und uns daran erinnern, dass wir eine große Familie sind, eine Ummah und dass wir am Tag des Jüngsten Gerichts Seite an Seite hinter unserem Propheten Mohammed – Allahs Friede und Segen auf ihm – stehen werden.

A.K. Hochhausen

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