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Veröffentlicht am 10 Mai 2014

Ein Bericht über „Miteinander reden statt übereinander!“

Ein Bericht über „Miteinander reden statt übereinander!“

(Veranstaltung am 13.04.2014 in der Herzog-Wilhelm-Str. 24, 80331 München  im Hörsaal des Evangelischen Forums.)

Allgemeine Informationen über das Treffen

„Miteinander reden statt übereinander!“ war das Motto des Treffens für einen Dialog zwischen Juden und Muslimen in der Herzog-Wilhelm-Str. 24 vom Evangelischen Forum. Die Organisatoren luden zum Gespräch aus Anlass der Hetzreden des ‚Die Freiheit‘ Gründers Michael Stürzenberger, der unentwegt eine ganze Gruppe von Menschen herabwürdigt, gegen Muslime als angeblich gläubige Terrorkombatanten.

Eine Hau-Ruck Organisation, die Einladung kam via Facebook sechs Stunden vor Beginn per persönliche Mail und per Post in der FB-Gruppe Ghuraba.

Auf dem Podium saßen CSU-Stadtrat Marian Offman, ehemaliger Stadtrat und Rechtsanwalt Hildebrecht Braun, und Massi Popal, den in der Jugendhilfe engagierten Elektrotechnikstudenten. Ungefähr 50 Gäste waren erschienen, eine beachtliche Zahl dafür, dass erst an jenem Tag die Veranstaltung publik gemacht wurde.

CSU-Stadtrat Marian Offman

Herr Offman sei gerne Münchner und leidenschaftlicher Verfechter eines bunten, für alle lebenswertes München. Die Herkunft eines Münchners müsse irrelevant sein, um akzeptiert zu werden. München ist die Stadt Deutschlands mit der prozentual höchsten Einwohnerzahl mit Migrationshintergrund (37 % das sind ca. 600.000 Menschen).

Offman erzählte aus seiner Familiengeschichte, ein großer Teil seiner Familie wurde im Holocaust ermordet. Und trotzdem blieb seine Familie nach dem Krieg in Deutschland, er wurde hier geboren und wuchs hier auf. Als Jugendlicher war er politisch links und religiös agnostisch ausgerichtet. Er kämpfte leidenschaftlich gegen Waffen und für Freiheit. Als er älter wurde, suchte er wieder Kontakt zur israelitischen Gemeinde Münchens und wurde religiöser. Offman erzog seine Kinder im jüdischen Glauben mit seinen Riten und Traditionen. Er stellte trocken fest, dass seine Kinder viel religiöser als er seien und mehr als er auf koschere Haushaltsführung bestehen.

Er ging kurz auf die Gleichwertigkeit aller heiligen Bücher ein, von Thora, dem neuen Testament und Koran, und dies v.a. wegen der in allen drei monotheistischen Religionen gültigen 10 Gebote. Wer eine dieser Religionen komplett ablehne, lehne damit auch das Judentum ab.

Stürzenberger die erste…

Das war das Stichwort zu Stürzenberger, der so gerne auf seinen Kundgebungen die Israel-Fahne schwenkt. Der CSU-Stadtrat bekundete deutlich seinen Unmut über den Missbrauch dieser Fahne und seines Glaubens durch Stürzenberger.

Marian Offman und Michael Stürzenberger kennen sich aus Zeiten, in denen Stürzenberger noch als Nachfolger Offmans als Pressesprecher der CSU gehandelt wurde. Doch schnell wurden sie sich spinnefeind, da Stürzenberger durch seine rechten Parolen unangenehme Assoziationen zur Wegbereitung des Holocaust weckte. Gewürzt mit der Behauptung, da er pro Israel sei, könne er gar nicht rechts sein, hackt Stürzenberger auf eine ganze Gruppe von Menschen, eben Muslime, herum. Gleichzeitig lehnt Stürzenberger aber auch das Schächten und die Beschneidung der Buben ab.

Durch diese Vereinnahmung des Judentums fühlt sich Offman angegriffen, hat aber nicht vor, sich das stumm gefallen zu lassen. Und so steht Offman regelmäßig bei Kundgebungen von ‚Die Freiheit‘ stramm und zeigt durch seine bloße Präsenz Stürzenberger die Stirn. Das sei nach Offman auch das beste Mittel gegen solche Leute: Konsequente und friedliche Anwesenheit. Stürzenberger vergriff sich mehrmals derart im Ton und Verhalten, dass gegen ihn nicht nur ermittelt, sondern auch Gerichtsverfahren gewonnen werden konnten. So erwirkte Offman vor Gericht, dass seine E-Mail Adresse von der Website ‚Die Freiheit‘ gelöscht wurde. Offman wurde dadurch zum Ziel bösartiger Attacken und Hassmails, die eindeutig antisemitisch waren. Erfreulicherweise durfte Offman mit positiver Verwunderung feststellen, dass in seiner Partei, immerhin die CSU, sein Engagement gegen Stürzenberger und für ein islamisches Kulturzentrum positiv aufgenommen wurde.

Hildebrecht Braun

Hildebrecht Braun, ein bekennender Atheist, ist ehemaliger Stadtrat und heute Jurist. Obwohl seine Groß- und Urgroßväter alle evangelische Gottesmänner waren, entschied er sich aus vollster Überzeugung gegen einen Gottesglauben. Das hindert ihn aber nicht daran, viele kleine muslimische Gemeinden in den komplizierteren Alltagsgeschäften zu unterstützen. Vor 20 Jahren arbeitete er als Stadtrat und kämpfte damals für das jüdische Zentrum. So wie das islamische Zentrum heute einen Haufen Probleme durch Ablehnung der Bevölkerung hat, so kämpfte Herr Braun damals gegen dieselben Schwierigkeiten für das jüdische Zentrum. Heute, nachdem das Jüdische Zentrum in das Stadtbild und in die Gesellschaft voll integriert ist, fordert er dasselbe Recht für ein muslimisches Zentrum. Genauso wie Offman ist er erbitterter Gegner von Stürzenberger und zieht konsequent gegen ihn zu Felde.

Massi

Massi Popal studiert in München Elektrotechnik im 5. Semester. Er lebt ebenfalls gerne in München und bringt sich aktiv in der Jugendhilfe in Neuperlach ein. Die Begegnung mit einer Frau Sommer, einer differenziert und selbstkritisch denkenden Jüdin strafte all die gängigen Vorurteile Lügen. Er beschrieb die Begegnung als angenehmen Kontakt. Massi hielt sich während der gesamten Diskussion zurück, dafür brachte sich sein Bruder Shekeb ein. Shekeb studierte vier Jahre lang islamische Theologie in Ägypten und Südafrika.

Die Krux mit der israelischen Siedlungspolitik

Shekebs Wortwechsel mit Marian Offman entglitt und endete in einem unfruchtbaren Streitgespräch um Israels Siedlungspolitik. Herr Braun unterbrach mit dem Hinweis, dass es hier nur um München gehe. Auch im weiteren Verlauf kam die Siedlungspolitik Israels und die 1400 jährige Geschichte des Islams und damit die gemeinsame 1400 jährige Geschichte der Muslime und Juden immer wieder auf und lenkte vom eigentlichen Thema, nämlich der Begegnung zwischen Juden und Muslimen in München, ab. Shekeb und Massi gaben allerdings zu bedenken, das dieses ungelöste Problem auch immer Thema zwischen Juden und Muslimen bleiben wird und damit Begegnungen verhindern bzw. erschweren wird.

Stürzenberger die zweite …

Und dann gelang es doch, den Bogen zu Thema zu schließen, denn auch Stürzenberger verwendet gerne Beispiele aus der Geschichte, so z.b. die Hinrichtung des jüdischen Stammes der Banu Quraisa nach dem Verrat an dem Vertrag zwischen ihnen und den Muslimen. Shekeb erklärte ausführlich, dass das Urteil für den Verrat nach jüdischen Gesetzen und von einer von den Banu Quraisa anerkannten Richter Saad Muaisa gefällt worden ist. Stürzenberger wich allerdings bisher allen Hinweisen darauf aus.

Das Zusammenleben zwischen den Religionen bekamen unsere Vorfahren besser hin

Auch Herr Braun brachte Beispiele, dass Juden bzw. allgemein andere Religionsgruppen vor ein paar Jahrhunderten unter muslimischer Herrschaft freier leben konnten als in den christlichen Ländern.

Dagegen brachte Herr Offman ein, dass im Zweiten Weltkrieg Imame mit den Nazis kollaborierten, weil sie am Gedanken der Judenvernichtung gefallen fanden.

Der Unterschied zu den bisherigen Progromen gegen Juden war in Nazi-Deutschland der totale Vernichtungswille einer ganzen Volksgruppe. Das sei ein absolutes Novum gewesen und Offman verglich das Geschehen im Vorfeld des Holocaust von damals mit den demagogischen Entgleisungen Stürzenbergers von heute.

Versehentliche Geschlechtertrennung

Herr Braun unterbrach das leidige Thema mit der Bemerkung, dass der Saal, der bis auf die Redner nur von Muslimen besetzt war, eine strikte Geschlechtertrennung herrschte. Unsere Geschwister hatten sich ohne Hinweis darauf so platziert. Als ich später nachfragte, fanden das eigentlich alle doof. Seltsam nur, dass sich alle aus Rücksicht auf ein paar wenige, die das eventuell hätte stören können, einem unausgesprochenen Gesetz gebeugt haben. Inklusive mir, die das zu Anfang kaum registriert hatte.

Stürzenberger die dritte…

Dieses Themas überdrüssig und weil ich wissen wollte, was denn Herr Offman gegen Stürzenberger tun wolle, wechselte ich das Thema und Herr Offman erklärte, dass seine Mitstreiter und er die Strategie nicht öffentlich machen wollten, da Herr Stürzenberger sonst frühzeitig Gegenmaßnahmen ergreifen könnte. Aber ein Erfolg sei zumindest, dass Herr Stürzenberger mit seinem Volksbegehren nicht durchgekommen ist. Überhaupt habe er nur wenige hundert Fans, der Großteil der Münchner teilen Stürzenbergers Auffassung gegenüber Muslime nicht.

Mir erschloss sich der Sinn der Zusammenkunft an jenem Nachmittag nicht mehr ganz, da ich den Kampf gegen Stürzenberger in Zusammenarbeit von Juden und Muslimen fälschlicherweise als Schwerpunkt missverstanden hatte. In der Einladung wurde schließlich ausführlich auf Stürzenberger eingegangen und der eigentliche Kern, die Begegnung zwischen Juden und Muslimen, geriet etwas in den Hintergrund. Dass dann trotzdem das gemeinsame Engagement gegen Stürzenberger und dessen Projekt in den Gesprächen den meisten Raum einnahm, machte daher meine Verwirrung komplett.

Um die bisher angeschnittenen Themen abzuschließen, fügte Herr Braun noch hinzu, dass nach den Paragraphen §§ 130 und 166 Religion zwar frei ausgeübt werden darf, aber auch Kritik daran möglich und akzeptiert sein muss. Nur die Grenze zwischen Kritik und polemischer Hetze muss, notfalls vor Gericht, unterschieden werden. Zu diesem Zweck muss aber jeder einzelne, der für ein weiterhin freies und buntes München steht, auch für ein freies und buntes München einstehen und gegen solche Hetzer aktiv werden. Stürzenberger wird ohne Gegenwehr dieses Recht auf Meinungsfreiheit gnadenlos ausnutzen.

Da fehlte noch jemand

Eine anderer Gast meldete sich zu Wort, warum denn außer Herr Offman keine weiteren Juden gekommen seien. Herr Offman erklärte das mit den vielen versprengten Gruppen und nur gelegentlichen Treffen in der Gemeinde, die langsam durch Veralten ausstürbe und daher nur schwer ein größeres, interessiertes Publikum erreicht werden könne. Zudem kämen Sicherheitsbedenken der israelitischen Gemeinde und paranoide jüdische Eltern dazu. Aber er fügte auch sofort hinzu, dass bei früheren Treffen im jüdischen Kulturzentrum muslimische Gäste sogar beten konnten.

Das änderte aber nichts daran, dass der eigentliche Sinn dieses Treffens, grade in der Praxis, verfehlt worden sei. Wie auch immer: Zu kurzfristig Bescheid gegeben, zu versprengt, aussterbend. Offman versprach der jungen Frau, Kontakte weiterzuleiten. Er gab ihr nach Ende der Veranstaltung seine Visitenkarte.

Ich füge willkürlich noch einen weiteren Grund hinzu: Bei der Diskussion um die Weltpolitik zwischen Shekeb und Offman ging es um die Besatzungspolitik Israels und es wurden altbekannte Argumente ausgetauscht. Shekebs Argumentation, zwischen der jüdischen und der muslimischen Gemeinde stünde immer die Politik Israels (mit dem bekannten, ausgetretenen und leider nicht von der Hand zu weisendem Beispiel mit dem Gast, der einen aus dem eigenen Haus weist) war einer Annäherung eher abträglich. Wieso sollten sich Münchner, deutsche, hier geborene und aufgewachsene Juden, sich einer so zähen Diskussion aussetzen um einer Tatsache willen, die sie genauso wenig ändern können wie wir, als hier aufgewachsene, in München heimische Muslime? Muslime wünschen sich nicht auf den Terror einiger weniger reduziert zu werden, dasselbe sollte man auch Juden zugestehen, doch bitte nicht auf einen Netanjahu reduziert zu werden, dessen Politik übrigens auch Offman ablehnt.

Ein Ende vom Anfang

Am Schluss folgte noch ein Ausflug in die israelische und deutsche Bildungspolitik, über die teils sehr ähnlichen Probleme staunte der ganze Hörsaal. Im weiteren Verlauf wurde der Wert einer jeden beendeten Ausbildung für die Gemeinschaft gewürdigt. Eine anspruchsvolle und teils ziemlich zähe Diskussion nahm ihr Ende. Nach dem Schlusswort verabschiedeten wir uns freundschaftlich voneinander und tauschten unsere Kontaktdaten aus. Auf weitere so spannende und ertragreiche Treffen!

Frau Schmitt

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