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Veröffentlicht am 11 Sep 2016

Das Opferfest – Und was opferst du morgen, übermorgen und überübermorgen?

Das Opferfest – Und was opferst du morgen, übermorgen und überübermorgen?

Die historische Entstehung des Opferfestes und wie Muslime diesen Tag feiern, ist sicherlich den meisten Leserinnen und Lesern bekannt. Falls jemand sich doch noch informieren möchte, bevor er oder sie diesen Text weiterliest, möge bitte folgenden Link anklicken und danach wieder auf diese Seite zurück kehren.

Die Überschrift lässt auch sicherlich vermuten, in welche Richtung dieser Text gehen wird. Ja, genau. Es geht darum, was wir am Tag des Opferfestes opfern und auch um die Zeit danach. So wie der Ramadan uns ein Monat lang im Idealfall körperlich und mental transformiert und uns auf die Bewältigung von Herausforderungen in den anderen elf Monate vorbereitet. Genauso hat meiner Meinung nach auch das Opferfest denselben Anspruch, wie der Ramadan auf die Zeit danach. Ich nenne diese Zeit die Post-Eid-Phase (PEP).

Ich denke, dass die meisten Leserinnen und Leser sich darüber einig sind, dass am Eid al-Adha (türkisch: Kurban Bayramı) ein Opfertier geopfert wird und dass wir an dieser Tradition weiterhin festhalten werden. Dies führt uns zum nächsten Punkt, nämlich zu den Kosten, die entstehen. Abhängig vom jeweiligen Land, wo man ein Opfertier opfert, zahlt man zwischen 70 und 400 Euro. Der Prozess wird einem sehr leicht gemacht, denn man muss dabei nicht einmal sein gemütliches Heim verlassen. Heutzutage reicht ein einfacher Mausklick und die Transaktion bzw. die Überweisung für das Opfertier ist erledigt. Seien wir bitte ehrlich zu uns selbst! Ist es möglich, dass ein Hauch von Emotionalität in uns geweckt wird, wenn wir gar keinen Bezug zum Opfertier haben und zu den Menschen, die das Fleisch des Opfertieres verzehren werden. Wenn wir „nur“ eine Änderung auf unserem Girokonto feststellen können, aber unsere Herzen dieser Mausklick nicht berührt.

Ich frage mich ernsthaft, ob unsere heutige Geisteshaltung und unser Prozess beim Opfern am Opferfest tatsächlich dem Beispiel des Propheten Ibrahim (a.s.) und dessen Sohn Ismail (a.s.) gerecht wird. Denn schließlich war Ibrahim (a.s.) bereit etwas zu opfern, was ihm am wertvollsten war, nämlich seinen Sohn, weil Gott es von ihm verlangt hat.
Macht bitte folgenden Vergleich: Auf der einen Seite befinden sich jene, die das Geld für ein Opfertier per Mausklick überweisen und auf der anderen Seite der Prophet Ibrahim (a.s.), der bereit ist seinen Sohn mit einem Messer zu opfern.

Hmm? Irgendwie lassen sich die beiden Situationen nicht miteinander vergleichen, weil sie offensichtlich zu unterschiedlich sind. Daher sollten wir uns folgende Frage stellen: „Was ist für uns das Wertvollste? Von welcher Sache können wir uns schwer trennen? Welche Dinge sind für uns unverzichtbar oder unentbehrlich?“ Egal was uns jetzt in den Sinn kommt oder einfällt, es kann nicht annähernd mit der Opferbereitschaft des Propheten Ibrahim (a.s.) konkurrieren. Soll es natürlich auch nicht, weil der Schöpfer uns damit ein Beispiel setzen wollte. Wir wären alle Mörder, wenn wir bereit wären unsere Kinder zu opfern.
Aber es gibt andere Dinge, von denen es uns schwer fällt zu trennen. Zum Beispiel Zeit! Sind wir bereit unsere Zeit für Handlungen zu investieren, die uns nicht Spaß machen, aber für andere Menschen sehr hilfreich sind? Ein Beispiel hierfür wäre die Erziehung von Kindern, welche viele Eltern zermürben kann. Insbesondere, wenn Eltern Wert darauf legen Kinder in ihrer gesunden Entwicklung kontinuierlich zu unterstützen.

Ist man bereit für die Erziehung der eigenen Kinder die notwendige Zeit aufzubringen? Ich meine damit nicht nur neben dem Kind sitzen und mit Freundinnen und Freunden übers Smartphone chatten. Sondern mit dem Kind sich aktiv beschäftigen? Die Rede ist von qualitativ und nicht quantitativ zusammen verbrachte Zeit. Denn es kommt nicht darauf an wie lange man „neben“ seinem Kind gesessen hat, sondern ob man die Zeit mit dem Kind sinnvoll gestaltet hat. Ibrahims (a.s.) Prüfung war seine Bereitschaft das Leben seines Kindes zu opfern, unsere Prüfung ist unsere Bereitschaft die nötige Zeit für unsere Kinder zu opfern.
Aber wer tut das in der heutigen konsumorientierten Zeit? Eine Zeit, in der fast jedes Familienmitglied auf sein Smartphone-, Laptop- oder Tabletdisplay starrt und kaum Inhalte mit anderen Familienmitgliedern austauscht. Uns droht die Gefahr, dass der Begriff „Familie“ in Zukunft durch „Wohngemeinschaft“ ersetzt wird.

Man könnte den Eindruck haben, dass es vorwiegend darum geht Kinder zu HABEN und nicht darum pflicht- und verantwortungsbewusste Eltern für unsere Kinder zu SEIN.
Erich Fromm, ein deutsch-US-amerikanischer Psychoanalytiker, Philosoph und Sozialpsychologe geht in seinem Werk „Haben oder Sein“ auf diese Frage ein. Er hat viele Beiträge über Religionspsychologie und Gesellschaftskritik verfasst. In dem oben genannten Werk, welches er vor genau 40 Jahren verfasste, kritisiert er eine Gesellschaftsform, in der die Individuen sich darüber definieren, was sie HABEN und nicht was sie SIND. D.h. eine Gesellschaft in der jene Menschen, die materiellen Wohlstand haben ein höheres Ansehen genießen, als jene, die hohe moralische Werte aufrecht erhalten oder einen geistigen Beitrag für die Gesellschaft leisten. Folgende drei Zitate aus Fromms Buch „Haben oder Sein“ verdeutlichen diesen Standpunkt:

(1) „Der Unterschied zwischen Sein und Haben entspricht dem Unterschied zwischen dem Geist einer Gesellschaft, die zum Mittelpunkt Personen hat, und dem Geist einer Gesellschaft, die sich um Dinge dreht.“
Kommentar: Man kann sagen, dass Zitat (2) auf Zitat (1) aufbaut, weil es auf die Sprachebene eingeht, welche die gesellschaftliche Geisteshaltung widerspiegelt.

(2) „Für jene, die glauben, daß „haben“ eine höchst natürliche Kategorie innerhalb der menschlichen Existenz ist, mag es überraschend sein, wenn sie erfahren, daß es in vielen Sprachen kein Wort für „haben“ gibt.“
Kommentar: Im Türkischen gibt es zum Beispiel das Wort HABEN nicht, sondern nur das Wort SEIN. „Ich HABE ein Auto.“ oder „I HAVE a car.“ oder „J’AI une voiture.“ heißt auf Türkisch „Benim arabam VAR.“ D.h. man spricht von der Existenz eines Autos in Bezug auf das Subjekt „Ben“. Im Deutschen, Englischen und Französischem hingegen wird der Besitz/das Eigentum des Subjekts hervorgehoben. Da fällt mir doch gleich ein altes deutsches Sprichwort ein: „Sprache kann verräterisch sein.“

(3) „Unsere Konsum- und Marktwirtschaft beruht auf der Idee, daß man Glück kaufen kann, wie man alles kaufen kann. Und wenn man kein Geld bezahlen muss für etwas, dann kann es einen auch nicht glücklich machen. Dass Glück aber etwas ganz anderes ist, was nur aus der eigenen Anstrengung, aus dem Innern kommt und überhaupt kein Geld kostet, dass Glück das „Billigste“ ist, was es auf der Welt gibt, das ist den Menschen noch nicht aufgegangen.“
Kommentar: Es wundert mich nicht, dass auch muslimische Familien keine Erfüllung oder Freude empfinden, wenn sie jährlich Opfertiere schlachten lassen, weil das Opfertier als etwas gesehen wird, dass man bezahlt also konsumiert – Fromm würde an dieser Stelle ergänzend sagen: „wie man alles kaufen kann“.

SubhanAllah, es ist bemerkenswert, dass ein deutsch-jüdischer Denker in seinen Schriften daran erinnert, dass wenn wir uns von dem Lebensstil konsumorientierter Gesellschaftsformen mitreissen lassen, wir uns nicht wundern müssen, wenn unsere ibadet an Qualität verliert, weil unser Blick auf die Dinge sich ändert.
Es geht nicht immer darum Dinge zu haben, sondern zu sein, nämlich: ein Diener Allahs zu SEIN, ein verantwortungsvoller Vater zu SEIN, eine verantwortungsvolle Mutter zu SEIN, pflichtbewusst zu SEIN, pünktlich zu SEIN,…

Zu SEIN heisst auch nicht immer zu HABEN. Also lautet meine Frage an uns alle: „Sind wir bereit mit weniger zu leben, weniger zu HABEN, mehr zu teilen, mehr zu geben, mehr zu investieren? Was und wie viel jeder aufgibt oder auf was jemand verzichtet, muss er oder sie selbst entscheiden. Es sollten aber Dinge sein, deren Verzicht uns aus unserer Komfortzone holen. Ich glaube fest daran, dass dies die „Rote Pille“ (Film: Matrix) für uns alle sein wird. Die „Rote Pille“, welche Morpheus Neo anbietet, um aus seinem Schlaf aufzuwachen.

In diesem Sinne sage ich Eid mubarak und wünsche allen eine schöne Post-Eid-Phase (PEP). Auf Türkisch würde es heißen: Bayramınız mubarek olsun ve hepimizi mubarek kılsın.

 

Bitte nimmt an der Meinungsumfrage teil. 😉

Das Opfertier sollte...

 

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